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Diese Taktik geht von vier Grundsätzen aus, die alle ihrerseits wieder auf dem Grundsatz des Klassenkampfes beruhen. Auf dem Grundsatz, dass das Proletariat durch seine Klasseninteressen in einem feindlichen, unüberbrückbaren Gegensatz zu allen bestehenden Klassen und damit auch allen bürgerlichen Parteien steht. Dass das Proletariat die politische Macht im Staate erobern muss, um diesen und die Gesellschaft seinen Interessen gemäß umzugestalten, und dass seine praktische Tätigkeit in der Gegenwart darauf gerichtet sein muss, es zu stärken, physisch, moralisch, intellektuell, ihm politische und ökonomische Macht zuzuführen, um es zu befähigen, die gesamte politische Macht zu erobern, sobald die Gelegenheit dazu günstig ist.
Der erste der auf diesen Standpunkt aufgebauten vier taktischen Grundsätze der deutschen Sozialdemokratie lautet: Jede Möglichkeit ist zu benutzen, um das Proletariat zu organisieren. In der Organisation erkennt sie die Quelle seiner Macht. Zu der politischen gesellte sie bald die gewerkschaftliche; bereits 1865 begannen einzelne Gründungen. Das Jahr 1869 brachte das Koalitionsrecht, aber schon 1868 wurden die Gewerkschaften systematisch sowohl von Lassalleanern wie von dem Arbeitervereinstag in Nürnberg gefordert und gefördert. Im Widerspruch dazu scheint die Haltung gegenüber den Konsumvereinen zu stehen, die eine Zeitlang eine sehr ablehnende war. Das ist leicht erklärlich. Die Konsumvereine waren den Versuchen der Arbeiter entgegengehalten worden, sich politisch selbständig zu organisieren. Es schien die Frage so zu liegen: Konsumvereine oder politische Selbständigkeit. Und da entschieden sich die Sozialisten für diese. Aber nie hat unsere Partei sich den Konsumvereinen als solchen feindlich gegenübergestellt. Und als später unter dem Sozialistengesetz jede andere Art proletarischer Organisation verboten oder doch erschwert war, erstanden zahlreiche Konsumvereine, die von Sozialdemokraten gegründet und geleitet wurden und aus der Sozialdemokratie ihre Mitglieder rekrutierten.
Infolge der reaktionären deutschen Vereinsgesetze konnte allerdings ein engerer Zusammenhang zwischen Partei, Gewerkschaft und Genossenschaft nicht hergestellt werden. Sie mussten äußerlich getrennt bleiben, und das hat mitunter auch zu innerlichen Verschiedenheiten geführt. Doch sind diese nie so tiefgehender Natur geworden, dass sie die Einheitlichkeit des Klassenkampfes bedroht hätten.
Eine grundsätzliche Änderung gegenüber den proletarischen Organisationsformen ist in unserer Partei nur gegenüber den Produktivgenossenschaften eingetreten.
Dem vormarxistischen Sozialismus, der den Klassenkampf noch nicht klar erkannte, war die proletarische Organisation nicht ein Mittel des Klassenkampfes, ein Mittel zur Gewinnung von Macht für das Proletariat, sondern ein Mittel, direkt die sozialistische Produktionsweise zu organisieren. Daher hatten die vormarxistischen Sozialisten so wenig Interesse für Parteiorganisationen und Gewerkschaften, die ja zunächst keine neue Produktionsweise schufen, sondern auf der Basis des Lohnsystems wirkten. Unter den Genossenschaften wieder hatten sie wenig für Konsumgenossenschaften übrig, sie bevorzugten die Produktivgenossenschaft. Denn in dieser, nahmen sie an, werde schon sozialistisch produziert. Die großen Utopisten freilich, ein Owen wie ein Fourier, erkannten bereits, dass eine Produktivgenossenschaft nur dann eine sozialistische wäre, wenn sie nicht Waren für den Markt produzierte, sondern sich selbst genügte, alles selbst produzierte, was ihre Mitglieder brauchten, Industrie und Landwirtschaft vereinigte. Die Organisationen, die sie begründen wollten, waren daher ausgedehnter Natur. Aber andere wollten praktischer sein, sie hofften aus vereinzelten, für den Markt produzierenden Produktivgenossenschaften, die sich vermehren sollten, schließlich die sozialistische Produktionsweise erzeugen zu können. Sie hielten die Gründung solcher Produktivgenossenschaften für leichter möglich, als die ganzer Phalanstere und Kolonien. Louis Blanc verlangte für solche Produktivgenossenschaften die Hilfe des Staates, d. h. der demokratischen Republik. Damit scheiterte er bekanntlich 1848. Lassalle stand bereits auf dem Boden des Kommunistischen Manifestes, des Klassenkampfes, aber nur in der Politik. Die Idee der ökonomischen Klassenkampforganisation blieb ihm fremd. In dieser Beziehung stand er auf dem Boden des vormarxistischen Sozialismus, der glaubte, innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, ohne den Besitz der Staatsmacht, die Anfänge sozialistischer Produktion aufbauen zu können. Zu diesem Zwecke ging er hinter Marx auf Louis Blanc zurück und entnahm ihm die Idee der Gründung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe. Ja, er ging noch hinter Louis Blanc zurück, indem er von der Monarchie die Staatshilfe für das Proletariat erwartete, während Louis Blanc dazu wenigstens eine Revolution, die zur demokratischen Republik führte, für notwendig hielt.
Aber die Notwendigkeit des Klassenkampfes war stärker als die von ihm absehende Theorie. Wir haben schon gesehen, wie kurz nach Lassalles Tod Lassalleaner selbst sich gedrängt sahen, Gewerkschaften zu organisieren und nicht Produktivgenossenschaften. Die orthodoxen Lassalleaner erkannten wohl, dass die Gewerkschaften im Gegensatz zur Auffassung ihres Meisters standen, wonach schon vor der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat jede ökonomische Organisation des Proletariats eine direkt sozialistische sein müsse, aber sie drangen damit nicht durch. Die Produktivgenossenschaften haben in der deutschen Sozialdemokratie nie Bedeutung erlangt, nicht einmal als Agitationsmittel, und sie spielten schon ein Jahrzehnt nach der Begründung unserer Partei keine Rolle mehr in ihrer Propaganda.
Seit einiger Zeit beginnt die alte, vormarxistische Denkweise allerdings wieder aufzuleben, seitdem unsere Konsumvereine an Kraft und Bedeutung gewonnen haben. Es gibt jetzt Konsumvereinstheoretiker, die den Konsumvereinen die Aufgabe zuschreiben, die Louis Blanc und Lassalle den Produktivgenossenschaften stellten: Sie sollten innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise durch ihre Eigenproduktion den Sozialismus verwirklichen. Darin, und nicht in der Stärkung des Proletariats bei seinen Kämpfen, liege ihre Bedeutung. Vor der Lassalleschen Argumentation haben sie den Vorteil voraus, dass sie sich auf wirklich bestehende und wachsende Organisationen stützen. Trotzdem werden ihre Anschauungen ebenso unfruchtbar bleiben, wie die Lassalles von den Produktivgenossenschaften. Solange die kapitalistische Produktionsweise besteht, werden die Notwendigkeiten des Klassenkampfes immer die dringendsten und ersten sein. Und solange das Proletariat nicht die politische Macht erobert hat, werden seine ökonomischen Organisationen nie die Kraft erlangen, die kapitalistischen Organisationen der Produktion ökonomisch aufzulösen und zu ersetzen. Die Eigenproduktion der Konsumvereine, soweit sie wachsen mag, wird immer winzig bleiben gegenüber den Kolossen des modernen Finanzkapitals, die sich weit rascher ausdehnen. Diese neueste Form des sozialistischen Utopismus ist daher zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Keineswegs aber die Konsumgenossenschaften selbst, die als Organisationen des im Klassenkampf stehenden Proletariats wachsen und gedeihen.
Soviel über unseren ersten taktischen Grundsatz, jede Möglichkeit auszunutzen, um das Proletariat durch Ausbau seiner Organisationen zu stärken.
Unser zweiter taktischer Grundsatz ist der: jede Position in Staat und Gesellschaft zu erobern und nach Möglichkeit auszunutzen, die das Proletariat aus eigener Kraft zu erobern und zu behaupten vermag.
Unsere Partei ist nie der Meinung gewesen, der bloße Protest, die Enthaltung vom Kampfe, könne eine Form des Kampfes werden. Wir haben stets nur gefragt, welche Gebiete des Kampfes sind die wichtigsten, auf welche müssen wir unsere Kräfte konzentrieren, solange sie nicht ausreichen, um uns auf allen Gebieten zu betätigen. Nur insofern haben wir uns manchmal von einigen Gebieten praktischer Betätigung ferngehalten, um auf anderen umso energischer zu wirken. Nie aber haben wir die praktische Betätigung in Staat, Provinz und Gemeinde prinzipiell geringgeschätzt.
Schon 1867, als Bismarck das allgemeine Wahlrecht zum Norddeutschen Reichstag gegeben hatte, nahm unsere Partei an den Wahlen zu diesem teil, und nachdem sie mehrere Vertreter durchgebracht, darunter Schweitzer, Bebel und Liebknecht, warfen sich diese sofort auf die „positive Arbeit“, namentlich bei der Beratung der Gewerbeordnung 1869, bei der sie erhebliche Erfolge aufzuweisen hatten. Liebknecht hegte anfangs Bedenken gegen die praktische parlamentarische Arbeit. Schweitzer und Bebel dagegen waren, wenn auch nicht in der Art des Auftretens, so doch in dem Grundsatz einig, dass wir die Aufgabe hätten, an der parlamentarischen Detailarbeit teilzunehmen, um die Gesetze möglichst dem Interesse des Proletariats gemäß zu gestalten. Das galt auch Gesetzen gegenüber, die wir prinzipiell ablehnten und ablehnen mussten, wie das meist der Fall war.
An diesem Grundsatz hat unsere Partei seitdem stets festgehalten. Wohl rief jeder Versuch, ihr Tätigkeitsgebiet zu erweitern, fast stets innere Kämpfe hervor – so das Eintreten in die Kommissionen des Reichstages, die Beteiligung an Landtagswahlen, an Gemeindewahlen. Aber nie wurde dabei der Grundsatz in Frage gestellt, dass wir möglichst viel positive Arbeit zu leisten hätten. Stets fragte es sich im Grunde bloß, ob für den gegebenen Fall unsere Kräfte ausreichten, um ohne Aufgabe unserer Selbständigkeit und ohne Schädigung wichtigerer Gebiete einen Erfolg zu erzielen. Darüber konnte man natürlich leicht verschiedener Meinung sein, wenn es sich um neue Gebiete handelte, über die praktische Erfahrungen noch nicht vorlagen. Daher manche Meinungsverschiedenheiten und inneren Kämpfe. Wenn unsere Partei in ihren Anfängen viele Tätigkeitsgebiete unbeachtet ließ, wenn sie nach und nach immer mehr Tätigkeitsgebiete erfasste, so liegt das nicht daran, dass sich unsere taktischen Grundsätze geändert hätten, dass wir im Laufe der Zeit immer „vernünftiger“ und „praktischer“ geworden seien. So vernünftig und praktisch wie jetzt, waren wir in unseren Grundsätzen schon vor 40 Jahren. Was sich seitdem geändert hat, ist unsere Kraft, die uns jetzt Dinge möglich macht, die vor 40, 20 und selbst vor 10 Jahren noch aussichtslos gewesen wären. Wenn wir ehedem es ablehnten, an den preußischen Landtagswahlen teilzunehmen, und wenn wir jetzt diese Teilnahme für selbstverständlich finden, so ist das nicht die Folge davon, dass wir früher die Arbeit in den Landtagen gering schätzten und sie jetzt höher schätzen, sondern es liegt nur daran, dass bei dem bestehenden Dreiklassenwahlrecht eine Teilnahme an den preußischen Landtagswahlen erst dann eine Möglichkeit des Erfolges bot, als unsere Partei in einzelnen Wahlkreisen eine geradezu erdrückende Mehrheit von Stimmen erlangt hatte. In Sachsen, wo seit 1868 ein ziemlich günstiges Wahlrecht bestand, nahm unsere Partei von Anfang an den Landtagswahlen teil, und sie brachte dort schon 1877 einen Abgeordneten durch.
Bei den inneren Kämpfen, die auftauchten, so oft es galt, uns ein neues Tätigkeitsgebiet zu erschließen, spielte oft auch der dritte unserer taktischen Grundsätze eine Rolle, der meistumstrittene, der trotzdem seit dem Nürnberger Vereinstag von 1868 beide Richtungen der deutschen Sozialdemokratie beherrschte, und der heute ebenso sehr in Kraft ist, wie ehedem: der der vollen Selbständigkeit unserer Partei allen bürgerlichen Parteien gegenüber.
Wohl werfen wir nicht alle diese Parteien in einen Topf. Wir machen Unterschiede zwischen ihnen, unterstützen manche in einzelnen Fragen gegen ihre Widersacher. Aber wir vergessen nie, dass alle politische Interessengemeinschaft zwischen einer bürgerlichen und einer proletarischen Partei nur eine gelegentliche, nur eine vorübergehende und nur eine beschränkte sein kann. Denn der ökonomische Interessengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie ist stets der überwiegende, der alle heutige Politik in letzter Linie beherrscht. Wir können daher nie ein dauerndes Bündnis mit einer bürgerlichen Partei, einen Block, eingehen; wir können gelegentlich, z. :B. bei Stichwahlen oder im Parlament, für eine von ihnen stimmen, müssen aber unsere Propaganda gegen sie alle richten, jede von ihnen kritisieren, bei jeder zeigen, dass sie den Interessen des Proletariats nicht genügt und nicht genügen kann, weil dieses Interesse nur durch eine soziale Revolution zu seinem Recht kommen kann, die einzig die Sozialdemokratie anstrebt.
Dieser Grundsatz ist sehr oft und sehr lebhaft angefochten worden, weil er unpraktisch sei und uns hindere, positive Erfolge zu erzielen. Denn wir seien eine Minorität, vermöchten allein nichts zu leisten und müssten daher Bundesgenossen suchen, die unsere Kraft stärkten. Bundesgenossen fänden wir aber nicht, solange wir durch unsere Propaganda alle bürgerlichen Parteien abstießen. Wir verurteilten uns dadurch zur Unfruchtbarkeit und hielten die Proletarier von praktischen Erfolgen ab, indem wir sie auf das bessere Jenseits der Revolution vertrösteten, von der niemand wisse, ob und wann sie komme.
In Wirklichkeit gibt es für das Proletariat keine praktischere Politik, als die der revolutionären, an allen bürgerlichen Parteien Kritik übenden Propaganda. Nur durch sie hat die deutsche Sozialdemokratie ihre gegenwärtige Machtstellung errungen. Nur dieser Propaganda verdankt sie es, dass sie schon 1903 eine Partei von drei Millionen Wahlstimmen war und heute wohl eine Partei von mindestens vier Millionen Stimmen ist.
Diese Werbekraft unserer Partei hört auf, sobald wir mit irgendeiner bürgerlichen Partei Frieden schließen, diese nicht mehr angreifen, um mit ihr gemeinsam zu kämpfen. Dies können wir auf die Dauer nicht tun, ohne unsere Forderungen einzuschränken. Denn sobald wir unsere alten Forderungen im vollsten Ausmaße verfechten, kommen wir in Konflikt mit jeder, auch der radikalsten bürgerlichen Demokratie. Unterscheiden uns aber unsere nächsten Forderungen nicht mehr von einer der bürgerlichen Parteien, dann ist diese im Vorteil uns gegenüber, weil jede der bürgerlichen Parteien eher Aussicht hat, auf die Regierung Einfluss zu gewinnen, als wir. Handelt es sich nur um beschränkte, mäßige Forderungen, die etwa über die des Liberalismus nicht hinausgehen, dann sieht die Volksmasse keinen Grund mehr, für uns zu stimmen, deren Einfluss bei der Staatsmacht gering ist, dann stimmt sie lieber für den Liberalen. Damit geht uns die große politische und moralische Macht verloren, die in dem Anwachsen unserer Stimmenzahlen liegt.
Aber auch unsere Presse wird dadurch geschädigt. Eine ausgedehnte Tagespresse ist eine große Macht, sie ist unentbehrlich für eine glückliche Führung politischer und gewerkschaftlicher Kämpfe. Die Entwicklung und Verbreitung der Presse der Partei und der Gewerkschaften ist eine der wichtigsten Aufgaben praktischer Politik. Keine sozialdemokratische Partei ist dabei so weit gekommen, wie die deutsche. Sie besitzt 76 Tagesblätter mit mehr als einer Million Abnehmer. Diese Ausbreitung der Parteipresse ist nur möglich geworden durch unseren energischen Kampf gegen alle bürgerlichen Parteien. Die proletarische Presse kann nicht so viel Anziehungsstoff bieten, wie die bürgerliche. Sie verfügt nicht über deren Kapitalien, nicht über so viele gewandte Journalisten, nicht über so viele Bezugsquellen politischer und anderer Neuigkeiten, sie darf endlich nicht gewissenlos auf die Sensationslust und andere schlechte Instinkte spekulieren. Durch alles das ist sie gegenüber der bürgerlichen Presse im Nachteil. Was sie vor dieser voraus hat, ist ihre rücksichtslose Vertretung der proletarischen Interessen allen anderen Interessen gegenüber. Dadurch gewinnt sie die Massen; zuerst deren Elite, nach und nach auch die übrigen. Muss sie sich aber aus politischen Rücksichten gegenüber irgendeiner bürgerlichen Partei einen Maulkorb verbinden, dann verliert sie ihren Vorteil gegenüber der bürgerlichen Presse und kann deren Konkurrenz nicht mehr bestehen. Man braucht bloß nach England zu gehen, um zu sehen, wie das wirkt. Die englische Arbeiterpartei nimmt augenblicklich auf den Liberalismus die größten Rücksichten. Die Folge davon ist, dass das englische Proletariat bis heute noch kein einziges tägliches Blatt besitzt, dass es ausschließlich aus der bürgerlichen Presse informiert wird. Man vergleiche den Erfolg dieser „praktischen Realpolitik“ mit der Presse der deutschen, unpraktisch-revolutionären Sozialdemokratie, und man wird sehen, wer in Wirklichkeit praktischer arbeitet.
Aber erzielt die Methode der Blockpolitik nicht im Parlament mehr praktische Erfolge? Gewinnt das Proletariat nicht dadurch bessere Gesetze? Und ist das nicht die Hauptsache?
Wir wollen sehen.
Es gibt zwei Methoden, wie die Sozialdemokratie auf die Gesetzgebung einwirken kann, wie es zwei Arten von Gesetzen gibt: solche, die im Interesse nicht bloß des Proletariats, sondern auch eines Teils der besitzenden Klassen liegen, und solche, die nur im Interesse des Proletariats allein liegen.
Bei den ersteren kann die Sozialdemokratie Erfolge dadurch erzielen, dass sie mit einer bürgerlichen Partei zusammengeht, z. B. in der Frage des Freihandels. Aber auch dabei wird sie sich freie Hand in der Propaganda vorbehalten müssen, weil ihre Gründe für den Freihandel und ihre Erwartungen von diesem andere sind, als die der Liberalen.
Es gibt aber auch Gesetze, an denen keine bürgerliche Partei ein Interesse hat; ich spreche da nicht bloß von sozialistischen Maßnahmen. Auch am Koalitionsrecht oder an Arbeiterschutzgesetzen oder der Arbeiterversicherung hat keine bürgerliche Partei erhebliches Interesse; deren Bestimmungen finden in jeder Partei starke Gegner. Auch die Liberalen wollen vom Streikrecht der Eisenbahner und vom Achtstundentag nichts wissen.
Um von den bürgerlichen Parteien gesetzliche Maßregeln dieser Art zu erlangen, dazu reicht das Zusammenarbeiten mit ihnen in den Parlamenten nicht aus. Dazu muss ein Druck von außen kommen, die Furcht vor dem Proletariat. Man darf aber diese Furcht nicht etwa roh auffassen als Furcht vor dem Totgeschlagenwerden oder vor dem Ausgeplündertwerden. Derartige direkte Aktionen haben noch nie einen Erfolg erzielt. Der Massenstreik kann allerdings große praktische Erfolge erzielen, aber nur dann, wenn es ihm gelingt, den ganzen Staatsorganismus momentan lahmzulegen. Das ist nur bei sehr hoher Kraft des Proletariats und sehr günstigen ausnahmsweisen Bedingungen möglich. Als regelmäßige Waffe des politischen Kampfes ist er nicht anwendbar.
Dagegen gibt es eine andere Methode, den bürgerlichen Politikern Furcht einzujagen, die dort, wo genügende politische Rechte vorhanden sind, stets angewandt werden kann, sobald das Proletariat zahlreich genug ist: Diese Methode ist die, den bürgerlichen Parteien ihre Wähler wegzunehmen, deren sie bedürfen, sollen sie Macht ausüben können. Die Furcht vor den Wählern, das ist das große Pressionsmittel der proletarischen Parteien in parlamentarischen Ländern mit allgemeinem Wahlrecht. Diese Furcht ist in der Regel viel wirksamer als jene, die durch sogenannte direkte Aktionen erzeugt wird.
Um diese Furcht und damit den Reformeifer der bürgerlichen Parteien zu erzeugen, ist es aber notwendig, dass eine proletarische Partei da ist, die sie alle bedroht und die durch die rücksichtslose Art ihrer Propaganda jeder von ihnen Wähler wegnimmt. Je größer die Wahlerfolge der Sozialdemokratie, desto eher vermag sie von den bürgerlichen Parteien alles an Konzessionen zu erreichen, was bei den gegebenen Machtverhältnissen überhaupt zu erreichen ist.
Das bezeugt auch wieder England. Der jetzige Reformeifer der englischen Liberalen ist sehr jungen Datums. Der große Wahlerfolg der englischen Arbeiterpartei bei den Wahlen von 1906, wo sie unabhängig von den Liberalen und gegen diese auftrat, hat die Liberalen aufgeschreckt. Eine liberal-sozialistische Blockpolitik ist das beste Mittel, den Reformeifer der Liberalen wieder auf den Nullpunkt zu bringen.
Dieselben Erfahrungen haben wir in Deutschland gemacht. Die verschiedensten Staaten der Welt machen jetzt Versicherungsesetze nach dem Muster der deutschen Arbeiterversicherung. Die deutsche Sozialdemokratie hat diese Gesetze ungenügend, ja, wegen ihrer Beschränkung der Selbstverwaltung der Versicherungskassen gefährlich gefunden und abgelehnt. Nichtsdestoweniger, und das hat Bismarck selbst anerkannt, sind diese so viel gerühmten Arbeiterversicherungen ein Erfolg der Sozialdemokratie, ein Erfolg ihrer überraschenden Wahlsiege von 1874 und namentlich 1877, wo sie fast eine halbe Million Stimmen erlangte – gegen 100 000 im Jahre 1871.
Dass diese Gesetze in der Folge günstigere Resultate für die Arbeiter erzielten, als ursprünglich von unserer Partei angenommen wurde, ist wieder ihr zuzuschreiben. Sie hatte die Gesetze abgelehnt; aber getreu ihrem Prinzip, jede Möglichkeit praktischen Wirkens für das Proletariat auszunutzen, bemühten sich nach dem Erlass der Gesetze die sozialdemokratischen Kassenmitglieder, der Versicherungsorganisation so viel Arbeiterfreundlichkeit beizubringen, als es trotz der dürftigen Selbstverwaltung möglich war.
Den nächsten großen Wahlsieg errang unsere Partei 1890, wo sich ihre Stimmenzahl gegenüber der vorhergehenden Wahl verdoppelte, auf fast 1½ Millionen anwuchs.
Die Folge war nicht bloß der Zusammenbruch des Bismarckschen Regimes, sondern auch eine Arbeiterschutzgesetzgebung sowie die Herabsetzung der Getreidezölle von 50 Mk. auf 35 Mk. pro Tonne. Unsere Partei stimmte für die letztere Maßregel, obwohl sie prinzipiell jeden Lebensmittelzoll verwirft. Sie konnte sich indes nicht entschließen, für das Arbeiterschutzgesetz zu stimmen. Aber die Verbesserungen, die das Gesetz bei alledem brachte, sind auf ihr Konto zu schreiben. Es verbietet die Sonntagsarbeit, bringt den 11stündigen Maximalarbeitstag – jedoch nur für Frauen, nicht auch für Männer; bringt auch das Verbot der Nachtarbeit der Frauen. Freilich, an unseren Forderungen gemessen, ist das alles erbärmlich wenig, und manche Bestimmungen des Gesetzes sind arbeiterfeindlich, namentlich jene über den Kontraktbruch. Unsere Genossen im Reichstag haben daher mit Recht dagegen gestimmt, getreu der Taktik unserer Partei, das Proletariat zu großen Forderungen zu erziehen, um dadurch schließlich von den bürgerlichen Parteien so viel Resultate herauszupressen, als überhaupt von ihnen zu erpressen sind.
Unsere Partei ist der Ansicht, dass diese Methode nicht nur theoretisch gerechtfertigt, sondern auch praktisch die fruchtbarste ist. Sie sieht keinen Grund, den taktischen Grundsatz aufzugeben, auf dem diese Methode beruht.
Endlich ist hier noch ein vierter taktischer Grundsatz zu erwähnen, der unsere Partei stets geleitet hat, der der größten Einheitlichkeit ihrer Aktionen.
Unsere Partei ist eine demokratische nicht bloß in ihren Zielen, sondern auch in ihrer Organisation und Taktik. Aber es gibt zwei Arten Demokratie, die urwüchsige und die moderne. Die erstere beruht auf der direkten Ausübung der Souveränität des Volkes, die zweite auf ihrer indirekten Ausübung durch eine Vertreterversammlung. Die erste ist naturgemäß auf kleine Gebiete beschränkt, auf Gemeinden oder Gaue. Nur da kann eine Volksversammlung die höchste, entscheidende Autorität sein. Eine größere politische Organisation kann da nur in der Art zustande kommen, dass die einzelnen Gemeinden untereinander einen Bund schließen, in dem aber jede selbstherrlich bleibt. Auf dieser Grundlage ist aber eine kraftvolle, einheitliche Kampfesorganisation, wie sie der moderne Staat erheischt, nicht aufzurichten. Sie ist nur möglich dadurch, dass man eine zentrale Vertreterversammlung zur höchsten Instanz macht. Der demokratische Charakter dieser Organisation besteht darin, dass das Wahlrecht zu dieser Versammlung das demokratischste ist.
Die erstere Art der Demokratie finden wir noch im Mittelalter, die zweite Art entspricht dem modernen Staat. Ein Überbleibsel der ersteren stellt heute die Schweiz dar. Die zweite Art der Demokratie wurde bisher am vollkommensten verkörpert von der französischen Republik der ersten, großen Revolution – nicht von der heutigen französischen Republik, die zu viele monarchische Züge aufweist.
Wie die urwüchsige, erkennt auch die moderne Demokratie der Gemeinde und Provinz das Recht der Selbstverwaltung zu. Aber in der modernen Demokratie sind Gemeinde oder Gau nicht selbstherrlich, sondern die Mittel, die Befugnisse, die Aufgaben der Selbstverwaltung werden vom zentralen Parlament bestimmt und vorgezeichnet.
So kann man auch zwei Arten Organisation der Parteien unterscheiden: Die eine, die urwüchsige, mittelalterlichen Zuständen entsprechende, in der die lokalen Parteiorganisationen der Gemeinden oder Wahlkreise souverän sind und selbst ihre Taktik bestimmen. Daneben die andere, dem modernen Staat entsprechende, bei der der Parteitag die oberste Instanz ist, der die Parteitaktik festsetzt, und bei der die einzelnen lokalen Organisationen wohl sich selbst verwalten, aber ihre Aufgaben, Befugnisse, sowie die Art der Aufbringung ihrer Mittel vom Parteitag vorgeschrieben erhalten.
Die Organisation und Taktik der deutschen Sozialdemokratie war stets letzterer Art. Sie hat dem Partikularismus einzelner Landschaften oder Wahlkreise nie Konzessionen gemacht, und nicht zum mindesten dieser Straffheit und Einheitlichkeit ihres Vorgehens verdankt sie ihre Macht. Mit dem modernen, straff zentralisierten Bürokraten- und Militärstaat kann nur eine straff zentralisierte Kampfpartei fertig werden. Das Streben nach lokaler Selbstherrlichkeit in der Bestimmung der Taktik ist nicht demokratisch, sondern reaktionär, ein Streben nach einer Wiederbelebung überlebter Formen der Demokratie.
Wie in ihren Ausgangspunkten waren die beiden Richtungen der deutschen Sozialdemokratie auch in ihrer Organisation und Taktik grundverschieden. Die Lassalleaner streng zentralistisch, ja diktatorisch, die anderen Arbeitervereine in losem Zusammenhang. Aber seit 1869 haben die Eisenacher ebenso ihre Organisation straffer zusammengefaßt, wie die Lassalleaner die ihre mehr demokratisierten.
In diesem Punkte wie in den anderen oben erwähnten, haben beide Richtungen unabhängig voneinander, ja in stetem Kampfe miteinander, immer mehr die gleichen taktischen Grundsätze entwickelt und damit den Weg zu ihrer Einigung gebahnt, die eine wirkliche Einigung wurde, weil sie tatsächlich nur noch Reste persönlicher Differenzen vorfand, als die beiden Fraktionen darangingen, das Kriegsbeil zu begraben und sich eine gemeinsame Organisation zu geben, was 1875 auf dem Kongress von Gotha geschah.
Seitdem ist die Einheitlichkeit unserer Partei nicht angetastet worden. Weder die ihrer Organisation, noch die ihrer Taktik.
Kämpfe um diese hat es allerdings genug gegeben.
Zuletzt aktualisiert am 26. Oktober 2026