Karl Kautsky

Taktische Strömungen in der deutschen Sozialdemokratie

3. Versuche, unsere Taktik zu ändern

Die Kritik unserer Taktik trat von zwei verschiedenen Seiten auf, von rechts und von links. Auf der einen Seite waren jene, die ein Zusammenarbeiten mit einem Teil der bürgerlichen Parteien, mit der demokratischen Opposition, aus den schon erwähnten Gründen befürworteten, weil wir allein zu schwach seien, etwas Erhebliches zu leisten. Auf der anderen Seite standen jene, die den Druck für unzureichend hielten, den wir auf die bürgerlichen Parteien durch deren Furcht vor den uns zuströmenden Wählern ausübten. Sie verlangten stärkere Mittel, um einerseits die Bourgeoisie stärker einzuschüchtern und andererseits stärkeren Eindruck auf die Arbeitermassen auszuüben, diese stärker zu entflammen, ihnen das Bewusstsein größerer Kraft einzuflößen. Die hierfür empfohlenen Mittel wechselten zu verschiedenen Zeiten. Mitunter, namentlich solange wir schwach waren, dachte man mehr an individuelle Akte der Rache oder der Einschüchterung durch Attentate nach russischem Muster: die Propaganda der Tat. Später dachte man mehr an „revolutionäre Gymnastik“ durch energische Massenaktionen, die sich rasch wiederholen und unter allen Umständen, ob sie Erfolg versprachen oder nicht, unternommen werden sollten.

Beide Richtungen der Kritik waren voneinander grundverschieden, beide hatten aber das gemein, dass jede das für die Wünsche von uns allen viel zu langsame Vorwärtsschreiten der Partei unserer Taktik zuschrieb, und dass jede glaubte, den Fortschritt unserer Bewegung künstlich beschleunigen zu können. Nur in der Wahl der Mittel dazu unterschieden sie sich. Durch diese Übereinstimmung erklärt es sich, dass so leicht ein Übergang von der einen dieser Richtungen zur andern stattfand, wenn das eine oder andere der vorgeschlagenen Mittel sich als verfehlt erwiesen hatte. Namentlich häufig haben wir den Übergang von der revolutionären Gymnastik zur Politik der Annäherung an bürgerliche Parteien gesehen.

Allen diesen Versuchen gelang es aber nicht, die Taktik unserer Partei zu berühren. Wohl hat sie stets, wie jede Partei, einen rechten und einen linken Flügel; das Stärkeverhältnis der beiden wechselte hin und wieder, aber die Grundsätze unserer Taktik wurden dadurch nicht berührt; sie blieben für die Gesamtheit unserer Partei dieselben.

Zuerst war es das Sozialistengesetz von 1878, das Bismarcks der steigenden Flut der Sozialdemokratie entgegenzusehen suchte, was Versuche, die Taktik unserer Partei zu ändern, hervorrief. Auf der einen Seite war es Höchberg mit seinem Mitarbeiter Bernstein, der für eine Annäherung an den arbeiterfreundlichen Teil der Bourgeoisie plädierte. Auf der anderen Most, der für revolutionäre Gewaltmittel eintrat. Die Logik der Tatsachen führte diesen bald zum Anarchismus. Höchberg andererseits vermochte auch keinen Erfolg zu erzielen. Bernstein selbst löste sich von ihm los und wurde einer der Vorkämpfer des linken Flügels unserer Partei.

Einen zweiten, stärkeren Anlauf nahm die Kritik unserer Taktik nach dem Fall des Sozialistengesetzes, nach dem glänzenden Wahlsieg von 1890. Die Macht, die wir jetzt erlangt, wurde ein Argument dafür, unsere bisherige Taktik, der wir zum großen Teil diese Macht verdanken, aufzugeben. Wieder wurde von beiden Seiten Kritik geübt. Vollmar meinte, wir müssten die Macht, die wir errungen, benutzen, um Bundesgenossen zu erwerben, und dürften jene bürgerlichen Elemente, die uns entgegenkämen, nicht abstoßen. Wir sollten unsere Endziele nicht aufgeben, aber unsere Agitation nur auf ein paar praktische Punkte beschränken.

Die Opposition der „Jungen“ oder „Unabhängigen“ wieder, unter der Führung Schippels, forderte die Anwendung der Macht, die wir errungen, zu schärferen Mitteln, als die Parteimehrheit damals für angezeigt hielt.

Beide Versuche blieben erfolglos, der Parteitag von Erfurt, 1891, wies den einen wie den andern entschieden zurück. Er gab der Partei ein neues Programm, das jetzt noch besteht, und das ohne den geringsten Widerspruch von Gemäßigten wie Radikalen einstimmig akzeptiert wurde.

Vollmars Versuch war zu einer sehr ungeeigneten Zeit unternommen worden. Noch zitterte in uns allen die Erregung über die Brutalitäten des eben erst abgetanen Sozialistengesetzes, und gerade zur Zeit des Erfurter Kongresses litt das Proletariat unter einer furchtbaren Krisis, die schreckliche Arbeitslosigkeit erzeugte.

Nach und nach verblassten die Erinnerungen an das Sozialistengesetz. Eine Zeitlang herrschte eine etwas mildere Handhabung der Gesetze gegen uns. Dazu kam seit 1895 eine Ära der Prosperität, die eine rasche Entwicklung der Gewerkschaften brachte und ihnen gestattete, bedeutende Erfolge zu erzielen und die Lage vieler organisierter Arbeiter erheblich zu bessern.

In dieser Zeit war es Bernstein, der wieder den Versuch machte, unsere Taktik zu ändern in dem Sinne einer Annäherung an den Liberalismus. Er ging diesmal von einer Kritik unserer Theorie aus, die er revidieren wollte. Daher der Name Revisionismus, der für diese Richtung aufkam. Er behauptete, die Klassengegensätze verschärften sich nicht, sondern milderten sich. Die Zahl der Besitzenden nehme nicht ab, sondern zu, zugleich wachse die Zahl der arbeiterfreundlichen Elemente unter den Besitzenden, die zu sozialen Reformen geneigt seien, die aber durch die „Frechlegende“, durch unsere sozialistischen Endziele, abgestoßen würden. Wenn wir eine Partei sozialer Reformer würden, könnten wir mit den arbeiterfreundlichen Liberalen zusammen leicht eine große Macht werden und erhebliche Vorteile für das Proletariat erringen.

Diese Lehre fand anfangs, seit 1898, erheblichen Anhang in unserer Partei, blieb aber doch stets in der Minderheit, wie die Parteitage von 1899 bis 1903 ununterbrochen bewiesen. Als dann die Unternehmerverbände erstarkten und die Zeit der steigenden Preise einsetzte, indes die Lohnsteigerungen ins Stocken kamen, erwies es sich zu deutlich, dass die theoretischen Voraussetzungen des Revisionismus unhaltbar seien. Heute haben sie alle Kraft verloren. Niemand denkt mehr daran, unser Programm zu ändern, gegen das sich der Revisionismus gewendet, dass er für veraltet erklärt hatte.

Damit starb aber die Tendenz nach Annäherung an den Liberalismus nicht aus. Sie erhielt jetzt eine reale Grundlage in den Verhältnissen Süddeutschlands, in ihrem Gegensatz zu denen Norddeutschlands, namentlich Preußens.

Der Unterschied zwischen Süd- und Norddeutschland ist so groß, wie der zwischen zwei Nationen. In Süddeutschland entwickelte sich schon im Mittelalter eine hohe Kultur, während Norddeutschland, mit Ausnahme der Gebiete am Rhein und an den Seeküsten, eine öde Wüstenei blieb. Während in Süddeutschland die Künste und Wissenschaften blühten, zahlreiche Städterepubliken reich und mächtig wurden und in ihnen ein kraftvolles Bürgertum heranwuchs, das sich den Adeligen und selbst den Fürsten ebenbürtig fühlte, gab es noch in vielen Gegenden Norddeutschlands, namentlich östlich der Elbe, mehr Bären und Wölfe als Menschen; und diese Menschen waren fast nur Bauern, die Städte klein, dürftig, völlig abhängig von den Fürsten.

Das änderte sich nach den Religionskriegen, die im 17. Jahrhundert der Reformation folgten. Nun blieb Süddeutschland ökonomisch stehen, ja, es ging vielfach zurück, indes sich in den Gebien des jetzigen Preußen und Sachsen der Kapitalismus rasch entwickelte. Die Klassengegensätze des Kapitalismus haben sich daher in Norddeutschland viel früher gebildet und viel schärfer zugespitzt, als in Süddeutschland mit seinem starken Kleinbürgertum. Diese Klassengegensätze haben aber auch in Preußen viel brutalere Formen angenommen, weil der Kapitalismus dort nicht auf eine hohe kleinbürgerliche Kultur, sondern auf sehr rohe Verhältnisse aufgebaut wurde.

Aber nicht nur der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, sondern auch der zwischen Regierung und Volk wurde in Preußen ein viel schrofferer. Die Regierung wurde kräftiger und brutaler in Preußen als in Süddeutschland. Gerade das Zusammentreffen von urwüchsiger roher Kraft mit rascher kapitalistischer Ostrichtung machte in Preußen das Erstehen eines straff zentralisierten Staates und eines machtvollen Militarismus möglich, der sich siegreich behauptete und seine Regierung schließlich zur stärksten Europas machte. Der Kasernenton und die Kasernenmanieren beherrschen daher in Preußen auch das Verhältnis der Regierung zum Volk.

In Süddeutschland war das Land in viele kleine Staaten und Städterepubliken zersplittert, dabei das Kleinbürgertum mit einem kräftigen demokratischen Bewusstsein erfüllt; kein großes zentralistisches Staatswesen, kein starkes Heerwesen konnte sich da entwickeln. Vom 17. Jahrhundert an waren die süddeutschen Staaten immer nur Vasallen fremder Staaten, entweder Österreichs oder Frankreichs, schließlich Preußens. Und während dessen Armeen seit der Zeit Friedrichs des Großen, mit einer kurzen Unterbrechung unter Napoleon, stets nur Siege erfochten, wurden die süddeutschen Truppen stets geschlagen oder sie erfochten Siege nur im Gefolge fremder Armeen.

In Süddeutschland sind daher die Regierungen schwach, das Kleinbürgertum stark, die Klassengegensätze weniger zugespitzt, die Formen des gesellschaftlichen und politischen Verkehrs zwangloser und freundlicher, die politische Freiheit weit größer. Schon vor 1848, als in Preußen noch der vollste Absolutismus herrschte, gab es in Süddeutschland ein reges parlamentarisches Leben, und das Jahr 1848 brachte den süddeutschen Staaten Verbesserungen des Wahlrechts für ihre Landtage. Seit 1866 ist deren Wahlrecht nach und nach noch mehr in demokratischem Sinne ausgebaut worden.

Die Sozialdemokratie entwickelte sich in Süddeutschland später und langsamer als im Norden, weil, wie gesagt, das Kleinbürgertum vorherrschte, der Kapitalismus langsamer Eingang fand. Sachsen und Preußen sandten schon 1867 Sozialdemokraten in den Norddeutschen Reichstag, dagegen kamen die ersten Sozialdemokraten aus Bayern und Hessen erst 1881, der erste badische Sozialdemokrat 1890, der erste württembergische 1898 in den Reichstag. Aber schließlich wurde die Sozialdemokratie auch in Bayern, Württemberg, Baden, Hessen eine Macht, und diese fand nun in den dortigen Landtagen viel leichter Eingang als in Preußen, dessen Landtagswahlrecht ein völlig reaktionäres ist, und als in Sachsen, nachdem dessen leidlich liberales Wahlrecht von 1868 aus Angst vor der Sozialdemokratie 1896 ganz preußisch gestaltet worden war. In den letzten zwanzig Jahren bildeten sich in den süddeutschen Landtagen starke sozialdemokratische Fraktionen, die unter günstigen Umständen arbeiten konnten und manche Erfolge erzielten, indes in Preußen mit dem Zunehmen des Kapitalismus, aber auch der Macht der Sozialdemokratie die Kämpfe mit den Regierungen und den bürgerlichen Parteien immer erbitterter, diese Regierungen und Parteien immer reaktionärer wurden.

Daraus ergaben sich notwendigerweise Unterschiede in den taktischen Maßregeln der süddeutschen und der norddeutschen Sozialdemokratie in den politischen Kämpfen der Einzelstaaten. Die Einheit der taktischen Grundsätze schließt die Verschiedenheit einzelner taktischer Maßregeln nicht aus. Verschiedene Verhältnisse bedingen stets verschiedene Maßregeln. Mit Recht sagte Liebknecht einmal, wenn sich die Verhältnisse binnen 24 Stunden änderten, ändere er auch binnen 24 Stunden seine Taktik. Das war sehr richtig, ist aber nur auf taktische Maßregeln zu beziehen, das heißt, auf die besondere Anwendung der taktischen Grundsätze im einzelnen Fall. Dagegen würde ein Taktiker seinen intellektuellen Bankerott ansagen, der wegen einer neuen Situation binnen 24 Stunden seine bisherigen taktischen Grundsätze ändern wollte.

Der Unterschied zwischen taktischen Maßregeln und taktischen Grundsätzen wird aber nicht immer beachtet. Weil taktische Maßregeln wechseln müssen, und zwar rasch wechseln müssen, wenn die Situation es erfordert, wird vielfach angenommen, auf dem Gebiet der Taktik gebe es keine Grundsätze, was ein schwerer Irrtum ist. Die Einheitlichkeit einer Bewegung im Wechsel der Zeiten, die eines der wichtigsten Erfordernisse ihres steten Fortschreitens ist, kann nur durch das Festhalten an taktischen Grundsätzen erreicht werden. Natürlich müssen diese Grundsätze selbst aus der Erfahrung vieler Jahre geschöpft, nicht durch bloße Spekulation gewonnen sein.

Unter unseren süddeutschen Freunden, namentlich unter den dortigen Parlamentariern, ist nun, dank ihren parlamentarischen Erfolgen, das Bedürfnis nicht nur nach besonderen, von den norddeutschen verschiedenen taktischen Maßregeln entstanden – das war wohl berechtigt –, sondern mitunter auch das Bedürfnis nach besonderen taktischen Grundsätzen. Im Gegensatz zum Grundsatz des selbständigen Klassenkampfes stellten manche von ihnen wieder den Grundsatz des ständigen Zusammenwirkens des Proletariats mit verschiedenen Teilen der bürgerlichen Parteien auf. Meist verlangten sie die Anerkennung jenes Grundsatzes bloß für ihre besonderen süddeutschen Verhältnisse. Sie strebten damit die Durchbrechung der taktischen Einheit der Partei an, die taktische Unabhängigkeit der Landesorganisationen. Manche möchten dagegen die taktische Einheit erhalten sehen, aber dadurch, dass sie die Taktik, die sie für Süddeutschland forderten, auf die ganze deutsche Partei ausdehnen wollen. Sie glaubten, die größere Freiheit im Süden sei eine Folge ihrer Taktik des größeren Entgegenkommens, und Norddeutschland brauche nur die gleiche Taktik anzunehmen, um die gleiche Freiheit zu gewinnen. Sie vergessen, dass sie diese größere Freiheit bereits bestehend vorfanden, dass diese das Werk von Jahrhunderten ist, und dass aus den historisch überlieferten Verhältnissen erst das Bedürfnis mancher süddeutschen Genossen nach einer anderen Taktik verständlich wird.

Diese taktischen Gegensätze beschäftigen uns seit einem Dutzend von Jahren, sie sind namentlich in der Frage der Budgetbewilligung zutage getreten. Da sie in historischen Verhältnissen begründet sind, werden sie wohl noch öfters auftauchen. Aber man darf nicht glauben, dass sie die Einheit oder Geschlossenheit unserer Partei ernstlich bedrohen könnten.

Damit sind wir zu einem Punkt gekommen, der uns bei unserem Überblick über die taktischen Strömungen in unserer Partei noch ausführlicher beschäftigen soll.


Zuletzt aktualisiert am 26. Oktober 2026